Stimmen über den Film

 

Semaine de la Critique, Rolf Niederer

„Eine Polizeisirene heult, das Rotlicht blinkt. Ein Junge liegt regungslos auf dem verschmutzen Feldweg, eingekreist von Absperrbändern, die die Neugierigen und ihre Kinder fernhalten sollen. Kameras blitzen: Szenen der Gewalt, Bilder wie aus einem Kriminalfilm. Doch diesmal zeigt der Bildschirm Realität. Kein Kommissar wird die Täter fassen. Dieser Fall wird, wie viele andere, kaum je aufgeklärt werden. Wir sehen keinen Fernsehkrimi, sondern rohe Wirklichkeit, Bilder von politischer Brisanz und analytischer Schärfe. Dokumente aus Guatemala, die die brutale Alltagsrealität abbilden.

Die Geschichte Guatemalas ist von Unterdrückung und Gewalt geprägt. Den spanischen Konquistadoren folgten zumeist diktatorische Regimes, nicht selten Vasallen ausländischer Wirtschaftsinteressen. Erst 1950 schränkte der damalige Präsident Arbenz Guzmán die Rechte der ausländischen Wirtschaftsunternehmen ein und begann mit einer Agrarreform. 1954 wurde Arbenz Guzmán gestürzt. 1962 brach ein Bürgerkrieg aus, der 36 Jahre dauern und zu Massakern an der indigenen Urbevölkerung führen sollte.

Ofner hat in seinem nicht nur informativen, sondern auch bewegenden und aufrüttelnden Film nach der Verbindung zwischen der Geschichte des Genozids und der heutigen Alltagsgewalt gesucht. Dokumente, Erzählungen und Berichte ergänzen sich zu einem komplexen Bild sich ständig fortsetzender Gewalt: Die Söhne vergewaltigter Mütter werden ihrerseits zu Vergewaltigern. Diese Evolution der Gewalt, so die Erkenntnis, beruht auf unsozialen und ausbeuterischen Gesellschaftsstrukturen in einem Staat, der von wechselnden Diktatoren beherrscht wird, die im Takt ihrer Herrschaftsdauer blutige Spuren hinterlassen.

Im malerischen Hochland lauert hinter der Idylle stets Gewalt: In den Gesichtern der Menschen, den fragenden, den verzweifelten oder trotz allem hoffnungsvollen, haben sich die Spuren eines Lebenskampfes eingekerbt. Der Filmemacher sucht mit grimmigem Engagement nachzuweisen, wie ökonomische Ausbeutung und politische Unterdrückung durch zynische Rhetorik verschleiert wird. Die Evolution der Gewalt beleuchtet das Erbe eines Bürgerkrieges, der sich unheilvoll fortgepflanzt hat und zur erschreckenden Kultur ständiger Gewalttaten gewachsen ist. Der Film soll letztlich auch zum Nachdenken über die Konflikte unserer Zeit anregen, die offenbar nicht anders als mit Waffen ausgetragen werden können.“