Interview
mit Fritz Ofner
Wie sind Sie zum Thema ihres Films Evolution der Gewalt gekommen?
Ich habe Guatemala 1997 zum ersten Mal bereist und habe die Geschichte des Bürgerkriegs frisch erlebt. Der Bürgerkrieg war zu jenem Zeitpunkt erst sechs Monate vorbei, die Narben waren noch ganz offensichtlich, ich habe diese Trauer und dieses Trauma hautnah miterlebt, und habe da auch zum ersten Mal gehört, was der Bürgerkrieg mit der United Fruit Company und mit Bananen zu tun hat. Diese Tatsache, dass ein Krieg auch aufgrund von Bananen oder wegen der Kontrolle über Bananen geführt wird ? das hat mich nicht losgelassen.
Ich war dann 2004 wieder in Guatemala und hatte da schon zum ersten Mal das Gefühl, dass das Trauma des Kriegs und dieses Erbe der Gewalt beginnen sich zu verselbständigen, dass die ganze Gesellschaft militarisiert wird, dass die Gewalt in viele Lebensbereiche vordringt.
2007 habe ich ein Angebot bekommen, für sechs Monate in Guatemala zu arbeiten und habe mir in diesem Moment schon gedacht, ich will unbedingt auch einen Film machen, habe aber noch nicht gewusst, was das Thema sein soll. Als ich dann aber in Guatemala angekommen bin, war die Gewalt so präsent und ich bin zufällig in diese Szene geraten, die es jetzt auch im Film gibt, wo ein wütender Mob die Polizei attackiert und dann beginnt, eine Form von Mob-Justiz an vermeintlichen Kriminellen zu begehen. Die weiteren Dreharbeiten waren dann für mich eine persönlich Spurensuche, wie es zu so viel Gewalt kommen kann. Wenn eine Menge das Gefühl hat, dass sie nur mit eigener Gewalt Gerechtigkeit schaffen kann, dann ist das ein Tiefpunkt einer Spirale der Gewalt.

Wenn Sie von Gewalt sprechen, um welche Ebenen, welche Arten von Gewalt geht es da?
Der Ausgangspunkt meines Films ist, dass die Gewalt in Guatemala ihren Anfang in den politischen und ökonomischen Zusammenhängen hat, sich dann aber verselbständigt und in alle Bereiche des Lebens ausgebreitet hat. Während des Bürgerkriegs wurde hunderttausenden jungen Männern beigebracht zu töten, zu vergewaltigen, zu foltern. All diese Männer sind am Ende des Krieges wieder in das zivile Leben zurückgekehrt, hatten aber sehr oft überhaupt keine Möglichkeit, ein geregeltes Leben zu führen. Und das, was sie gelernt haben, die Anwendung von Gewalt, haben sie in alle Bereiche des Lebens getragen, sie haben es in die Familie getragen oder in die organisierte Kriminalität.
Der Film steckt den Finger in eine offenen Wunde, Gewalt ist das Thema in Guatemala: das Thema, das die Politik bestimmt, das die Ökonomie bestimmt, das alles bestimmt ? es gibt kein größeres Thema in Guatemala als die Gewalt.
Wie haben Sie die ProtagonistInnen gefunden und ausgewählt?
Begonnen hat alles wie gesagt mit dieser Szene der Mob-Justiz. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass die Gewalt des Alltags etwas mit der Gewalt der Vergangenheit zu tun haben muss.
Ich versuchte mit Menschen in Kontakt zu treten, die den Genozid selbst erlebt haben und bin über eine amerikanische Freundin in ein indigenes Dorf gekommen, in dem 1982 ein grausames Massaker stattgefunden hat.
Meine Ankunft im Dorf ist über Lautsprecher durchgesagt worden, das ganze Dorfkomitee ist zusammengekommen, danach musste ich mich vorstellen, wurde ausgefragt, wer ich bin, was ich will, wieso ich ihre Geschichte anhören will. Ab dem Zeitpunkt, wo dieses Dorfkomitee mich akzeptierte und mir grünes Licht für den Dreh gegeben hat, waren die Reaktionen unglaublich. Alle Leute sind zu mir gekommen und wollten ihre Geschichte erzählen, ihre Geschichte über die Massaker, die passiert sind.
Diese Massaker sind jetzt beinahe 30 Jahre vorbei, aber diese Menschen konnten nie Zeugenschaft ablegen, sie konnten nie sagen, dass das wirklich passiert ist. Durch die Anwesenheit eines ausländischen Filmemachers und einer Kamera hat ihre Geschichte plötzlich einen Zeugen gefunden. Es ist eine Geschichte, die in Guatemala verdrängt wird, die niemand hören will. Von Seiten des politischen Establishments wird mit allen Mitteln darum gekämpft, dass man nicht nach den Verantwortlichen sucht, dass die Geschichte des Bürgerkriegs nicht aufgearbeitet wird, weil die Täter bis heute unverändert an der Macht sind. Es war wirklich so, dass das ganze Dorf gekommen ist, jeder wollte die Geschichte seiner Hinterbliebenen erzählen, jeder wollte erzählen, welche Dinge er im Krieg erlebt hat. Es gab eine große Offenheit und auch eine große Zuneigung, die zwischen mir und den Protagonisten entstanden ist. Ich habe dieses Dorf immer und immer wieder besucht, bis ein Vertrauenverhältnis aufgebaut war und habe dann dort viel gedreht.

Später habe ich mit Journalisten gedreht, weil mir aufgefallen ist, dass die Berichterstattung über Morde den Hauptteil der Zeitungen, den Hauptteil der Nachrichten einnimmt. Ich bin an einen Fernsehsender heran getreten und habe einfach gefragt, ob ich bei ihnen mitfahren kann, um ihren Alltag zu dokumentieren. Auch da gab es sofort eine große Offenheit und es gab die Möglichkeit und die Genehmigung, dass ich diese Journalisten mit der Kamera begleiten kann.
Ich habe mich an die Erzählung von Soldaten erinnert, die sagen, dass man die Härte des Krieges nur durch die Kameradschaft überleben oder psychisch überstehen kann. Ich hatte sofort das Gefühl, dass das bei diesen Journalisten ähnlich funktioniert. Du bist ständig mit diesen extrem traumatischen Situationen konfrontiert und das, was dich durch diese Situationen durchträgt ist die Kameradschaft innerhalb der Gruppe. Und die habe ich auch selbst erlebt und ich glaube, das transportiert sich zum Teil auch im Film: dieses Lachen, dieses Witze machen - das ist alles kein Zynismus, das ist ein Überlebensmechanismus, um mit dieser extrem harten Realität umzugehen.
Die Sozialarbeiterin arbeitet für die wichtigste Organisation, die Gewalt an Frauen zu einem Thema macht und den Frauen, die Opfer von Gewalt sind sozusagen eine Stimme gibt. In Guatemala ist Gewalt an Frauen ein riesiges Thema, man spricht von einem Femizid in Anlehnung an den Genozid. Auch hier habe ich wieder mein Projekt vorgestellt, ich wurde sofort willkommen geheißen - auch wieder aus dem Grund, weil mein Film eine Zeugenschaft darstellt. Denn mit der Gewalt des Bürgerkriegs verhält es sich ähnlich wie mit der Gewalt der Gegenwart - sie wird immer wieder vertuscht, es gibt keine Aufarbeitung. Die Justiz funktioniert nicht, von 100 Morden sind 97 straffrei, also lediglich 3% der Mörder werden in Guatemala verurteilt. Wenn ich Mütter besucht habe, deren Töchter ermordet worden waren, haben mich die Frauen trotz ihrer schweren Situation mit meiner Kamera in ihr Leben gelassen, weil ich hier wieder ein Stück Zeugenschaft ablege. Es ist nicht vergessen, wenn es eine Kamera aufnimmt, es findet eine Öffentlichkeit - diese Hoffnung war immer da. Aus dieser Einstellung heraus konnte ich auch immer wieder Szenen filmen, die sehr intim und sehr traurig sind, denn es war immer dieser Wunsch der Zeugenschaft da.
Am schwierigsten war es, einen Soldaten zu finden, einen Kriegsverbrecher, der auch vor der Kamera von seinen Verbrechen erzählt. Ich habe mit sehr vielen Soldaten gesprochen, aber keiner wollte vor der Kamera sprechen, aus Angst, selbst umgebracht zu werden. Ich habe dann in einer guatemaltekischen Tageszeitung eine Anzeige geschaltet, auf die sich einige Leute gemeldet haben. Unter diesen Männern war der Protagonist, der jetzt im Film ist. Er hat ein Buch geschrieben, das derzeit noch unveröffentlicht ist. Er hat seine Geschichte aufgeschrieben, um dieses Trauma, auch auf der Seite des Täters, aufzuarbeiten. Er wollte die Geschichte sozusagen aus sich heraus bekommen, nach außen stellen, um sich damit auch ein Stück weit zu befreien.
Von Seiten der Regierung gibt es kein Interesse, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Wie sieht das innerhalb der Bevölkerung aus?
Ich denke, dass es einen großen Bruch in der Gesellschaft gibt, dass die Fronten des Bürgerkriegs nicht verheilt sind. Menschen, die in Guatemala im Kulturbereich oder im NGO-Bereich arbeiten, waren zur Zeit des Bürgerkriegs fast alle in der Guerilla, das heißt, sie waren alle politisch links und sind es noch immer. Die Leute, die jetzt an der Macht sind, die die wirtschaftliche Macht, die politische Macht haben, standen während der Zeit des Bürgerkriegs auf der Seite der Militärdiktatur. Insofern gibt es keine Aufarbeitung des Konflikts, weil die Machthaber das aus eigenen Interessen nicht wollen.
Es gibt wahrscheinlich keine Familie in Guatemala, in der es nicht Opfer oder Täter gibt. Aber es gibt diese große Anstrengung, die Gewalt des Bürgerkriegs zu verdrängen und aus dieser Verdrängung heraus dreht sich die Spirale der Gewalt weiter in die Gegenwart. Die Gewalt der Gegenwart ist oft noch schlimmer als während des eigentlichen Bürgerkriegs, deshalb auch der Film-Titel Evolution der Gewalt.
Es gibt aber natürlich eine sehr starke Bewegung innerhalb der Intellektuellen, innerhalb der Linken, auch innerhalb von Basisorganisationen, die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Man sieht beispielsweise in der Szene mit der Selbsthilfegruppe mit den 15-jährigen Mädchen, die vergewaltigt wurden, sehr gut, dass viele nicht wissen, was im Bürgerkrieg passiert ist, in den sie noch hineingeboren wurden.
Wird der Film in Guatemala zu sehen sein?
Ja, auf alle Fälle. Ich habe versucht, den filmischen Prozess in Guatemala sehr, sehr transparent zu machen, das heißt, ich habe zum Beispiel schon vor Universitätsstudenten Rohschnitt-Versionen gezeigt - das war sehr spannend. Ich hab mir erwartet, dass da zehn, zwanzig Leute kommen werden, und plötzlich war ich in einem vollen Hörsaal mit 100 Leuten und habe Ausschnitte aus dem Film gezeigt, die heftige Diskussionen ausgelöst haben. Dass der Film Diskussionen anregt, ist in Guatemala wichtig.
Ich habe auch ein Screening mit guatemaltekischen Filmschaffenden gemacht, was auch sehr interessant war, weil ich das Feedback bekam, dass sich die Menschen schon so an die Gewalt gewöhnt haben, dass sie ihnen erst im Film wieder aufgefallen ist, aber nicht in ihrem Alltag. Der Blick von Außen war für sie wichtig, um diese offensichtlichen Zusammenhänge zwischen Bürgerkrieg und Alltagsgewalt zu erkennen.
Ich habe den Film in Guatemala oft in Rohschnitt-Versionen zur Diskussion gestellt, wollte abgleichen, ob mein Blick von Außen auch angenommen werden kann; und der Film wurde angenommen und es hat geheißen: Wir wollen den Film auch!. Der Film wird in Guatemala auch einen Kinostart bekommen.















